Die Kramgasse - Geschichte der Gasse und Krämer
Die Kramgasse im Herzen Berns gehört zusammen mit andern
Gassen zum "Unesco- Weltkulturerbe", zu dem die Berner
Altstadt 1983 ernannt wurde.
Die Gasse
Die sich in schwacher Krümmung durch die Altstadt ziehende
Hauptgasse, früher Märit- oder Vordere Gasse genannt,
wurde schon zu Beginn in ihrer bedeutenden Breite so angelegt,
dass hier der Markt abgehalten werden konnte. Anfänglich
bestand das Pflaster aus einer lehmig-steinernen Schicht. Die
erste eigentliche Pflästerung geht laut einer vorhandenen
Stadtrechnung auf das Jahr 1399 zurück. Damals wurden möglichst
rundliche Steine verwendet, welche man aus der Aare holte.
Der in der Mitte der Gasse fliessende Stadtbach diente den
Küfern
zu gewerblichen Zwecken, aber auch zum Waschen und bei Brandfällen
schöpften die Bewohner mit Feuereimern das Wasser aus dem
Bach. Jeder Bewohner, der über einen Karren verfügte,
stellte diesen quer über den Bach. Die ihn flankierenden
Fässer, Kübel, Karren und anderes mehr verliehen der
Gasse ein äusserst fröhliches und malerisches Aussehen.
Die meisten Häuser lassen an einfachen Fenstereinfassungen
und reich geformten Konsolen und Schlusssteinen die Einflüsse
des französischen Rokokos erkennen. Sowohl die monumentale
Architektur, als auch der gleichmässig hellgraue Sandsteinton
und die Fülle des die Gasse beherrschenden hellen Lichtes
geben ihr ein vornehmes und freundliches Aussehen. Auf der
Rückseite
der Häuser, d. h. gegen den Hof, lagen Garten und Stallungen.
Seit rund zweihundert Jahren nehmen nun die Häuser die
ganze Tiefe ein, d. h. es entstanden die Hinterhäuser
mit einem dazwischen liegenden Lichthof, durch den die Treppen
führen.
Die Geschäfte und ihre Auslagen bis Ende 19. Jahrhundert
Die sich beidseits der Gasse entlang ziehenden Lauben waren
schon von Anfang an nicht für den öffentlichen Verkehr
gebaut worden, sondern dienten zum Unterbringen der Krämerstande
und Geschäfte. Dieser Laubengang ist bis auf den heutigen
Tag Privateigentum der Hausbesitzer geblieben unter der Bedingung,
dass der Fussgänger frei passieren darf. Die Öffnung
der gassenseitigen Laubenbogen wird auch heute noch hälftig
unterbrochen durch die nach aussen schief liegenden Kellereingänge,
während die andere Hälfte als Auslage des Geschäftes
dient. Dazwischen musste aber genügend Raum für den
Fussgängerverkehr bleiben. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts
befanden sich bei jedem Laubenbogen hölzerne oder steinerne
Bänke als abendlicher Ruhesitz für die Hausbewohner.
Die in den Lauben befindlichen Geschäfte wurden früher
mittels aufklappbarer Laden geschlossen; tagsüber wurde
deren oberer Laden an der Laubendecke befestigt; der untere wurde
indessen waagrecht hinausgestellt und diente somit als Ladentisch.
Die Geschäftsleute, die man Krämer nannte, mussten
jeden Abend ihre Auslage abräumen, um sie am Morgen wieder
aufzustellen. Im 17. Jahrhundert gingen Klagen ein, die Krämerladen
würden den Laubendurchgang zu stark beanspruchen, wodurch
der Verkehr gehindert würde. Daraufhin wurden alle derartigen
Einrichtungen aufgehoben. Nur während der Frühjahr-
und Herbstmessen war es noch gestattet, in den Lauben Verkaufsbuden
aufzustellen. Bei solchen Anlässen wurde der letzte Platz
durch die Krämer belegt.
Das Ende der Kramgasse als wichtigster Handelsort
Die Kramgasse war einst Berns belebtester Handelsort. Hier
entstand das erste Kaufhaus, in dem ankommende Ware aus
aller Welt abgeladen
und verzollt wurde. Auf den Gassen und in den Lauben
wurde gehandelt, in Kellern Wein getrunken und Neuigkeiten
ausgetauscht,
man war
am Puls der Zeit. Aber mit den Warenhäusern, die im 19.
Jahrhundert in den Gassen oberhalb des Zytglogge entstanden,
konnten die Gassen der unteren Altstadt nicht mithalten. Zu schmal
sind die Häuser vom Zytglogge abwärts. Sie stehen seit
den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts unter Denkmalschutz und
können nicht beliebig ausgehöhlt werden. Zudem sind
die Häuser ab dem 2. Stock in der Regel dem Wohnen
vorbehalten.
Die Kramgasse im 20. Jahrhundert und heute
In den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts wurde die Kramgasse
zur ersten Adresse für Antiquitäten. In den Achziger
Jahren wandelte sie sich zu einem Ort der Moderne, ja gar der
Avantgarde. Heute steht ein vielfältiges internationales
und persönlich ausgewähltes Sortiment in etwa 100 individuell
eingerichteten Geschäften zur Verfügung. Vielerorts
kann man sich etwas nach persönlichem Gusto anfertigen lassen,
sei es im Bereich der Wohneinrichtung, der Mode oder des Schmucks.
Die meist persönlich anwesenden Geschäftsinhaberinnen
und Geschäftsinhaber kennen nicht nur ihr Fachgebiets, sondern
auch dessen Geschichte, Hintergründe und Kultur. Ein Schwatz
genügt, und man bereichert sein Wissen in kürzester
Zeit. Das macht die Gasse zu einem Einkaufsparadies.
Quelle:
Festschriften des Kramgassleistes zum 75 und zum 100 jährigen
Bestehen.
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